Kunst gegen die Krise - Beobachtungen zur Eröffnung der Documenta 14 in Athen

Es hätte keinen besseren Ort für den Auftakt der Documenta 14 gebe können als Athen, den Geburtsort der Tragödie. So lautet denn auch das Motto des bedeutendsten Ausstellungszyklus für moderne Kunst: „Von Athen lernen“. Konzeptionell werden weite Bögen gespannt, von der Aura der antiken Orte über die Bespielung verschiedener Museen, den urbanen Hot Spots, Interaktionen und Interventionen bis hin zur sozialen Katastrophe von heute. In gewisser Weise gibt diese Documenta den „Anti-Schäuble“, von dem bekanntlich der Ausspruch stammt: „Die Griechen sollen ihre Hausaufgaben machen.“ Die Documenta 14 ist hoch politisch, kaum greifbar, offen konzipiert, kritisch und komplex wie nie zuvor. Kunst scheint nicht mehr das erleuchtete Ausnahmewesen zu sein, sie ist entmystifiziert und ihrer vordergründigen Strahlkraft beraubt. Als performative und multiethnische Veranstaltung fordert sie den Besucher in nie geahnter Weise heraus, sich mit den Problemlagen dieser Welt zu beschäftigen. Wer verstehen will, muss sich selbst einbringen. Was bleibt nach einer Woche Kunstmarathon in Athen? Vor allem die Erkenntnis, dass die Krise als Katalysator der Krise fungieren kann. Und die Schönheit der Begriffe, an die man sich erinnern wird: „Parlament der Körper“, „Der Süden als Geisteshaltung“ oder „Spaziergangwissenschaften“. Die breit angelegte Documenta 2017 mit über 50 Spielorten allein in Athen ist ein Fest für den Flaneur in uns.

 

Wolfgang Lanzenberger, Athen 20. April 2017

Philipp Reisberg